Meinung und Debatte
Warum das Inflationsgedächtnis der Verbraucher hartnäckig ist - und was das für Wirtschaft und Geldpolitik bedeutet
Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Preise stärker steigen, als es die offiziellen Zahlen zeigen und genau dieses Gefühl kann die Wirtschaft stärker beeinflussen als jede Statistik. Obwohl die offizielle Inflationsrate gemessen am Verbraucherpreisindex zu Beginn des Jahres wieder nahe am Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank lag, rechnen viele Verbraucher weiterhin mit kräftigen Preissteigerungen. Das ist kein bloßes Missverständnis, sondern ein ökonomisch relevantes Phänomen: Erwartungen zur Inflation orientieren sich weniger an amtlichen Daten als an persönlicher Wahrnehmung. Sie prägen damit wirtschaftliche Entscheidungen und sind eine zentrale Herausforderung für Konsum, Wirtschaftswachstum und Geldpolitik. Analysen des Nürnberg Institut für Marktentscheidungen mit den Daten des Konsumklima-Surveys, zeigen, dass sowohl die wahrgenommene Inflation (schwarze Linie) als auch die erwartete Inflation (rote Linie) deutlich über den offiziellen Kennzahlen (blaue Linie) liegen (siehe Grafik).

Quelle: NIM Konsumklimasurvey powered by GfK, eigene Auswertung. Stichprobe n≈2000, monatlich seit 2003. Destatis, Reihe 61111-0002, eigene Darstellung.
Warum die Inflation so hartnäckig überschätzt wird
Menschen neigen dazu, Preisänderungen nicht objektiv über den gesamten Warenkorb hinweg wahrzunehmen, sondern gewichten stärker, was sie regelmäßig kaufen, wie z.B. Lebensmittel oder Benzin. Preise für Produkte und Dienstleistungen, die seltener konsumiert werden oder die längerfristig stabil sind, fallen dagegen weniger ins Gewicht. Dadurch entsteht eine systematische Verzerrung. Die gefühlte Teuerung spiegelt die Dynamik der für den Alltag relevanten Güter stärker wider als die tatsächliche durchschnittliche Preisentwicklung laut Statistik. Und auch die Häufigkeit der Preisänderung spielt eine Rolle, denn je häufiger sich der Preis ändert, desto stärker wird die Teuerung wahrgenommen. Zudem werden Preissenkungen oft weniger stark registriert als Preissteigerungen. Selbst bei rückläufigen Inflationsraten bleibt die Erinnerung an Anstiege dominanter als die Erfahrung der Entlastung. Auch sozio-demografische Merkmale, wie das Einkommen haben einen Einfluss. Personen mit niedrigerem Einkommen erwarten beispielsweise tendenziell eine höhere Teuerung.
Nach sprunghaften Teuerungsschüben verstärkt sich die Überschätzung
Eine Langfristanalyse des Nürnberg Institut für Marktentscheidungen zeigt noch ein anderes Phänomen: Nach Phasen sprunghafter Teuerung, wie während der Energiekrise mit Inflationsraten von zeitweise über 8 Prozent, fällt die Lücke zwischen gemessener und gefühlter bzw. erwarteter Inflation noch viel höher aus. Auch wenn die amtliche Inflationsrate wieder zurückgeht, verharren beide Größen für eine längere Zeit auf erhöhtem Niveau, da sie sich deutlich langsamer zurückbilden als die gemessene Teuerung.
Die beschriebene Lücke hat realwirtschaftliche Auswirkungen, weil sie sich u.a. im Konsum niederschlägt. Wenn Verbraucher mit steigenden Preisen rechnen, erwarten sie sinkende reale Einkommen, was wiederum deren Kauf- und Sparabsichten beeinflusst. Die Studie zeigt, dass sich nach Hochinflationsphasen zunächst die erwarteten Einkommensverluste abschwächen, sobald Lohnanpassungen erfolgen. Mit gewisser Zeitverzögerung steigt daraufhin die Bereitschaft der Konsumenten, Anschaffungen vorzuziehen, durch die Erwartung weiterer Preissteigerungen. Zeitgleich finden es die Verbraucher aber auch ratsamer zu sparen, um Vermögensverluste auszugleichen.
Die aktuelle Lage und ihre Auswirkungen auf Inflationserwartungen
Die Inflationserwartungen der Verbraucher liegen in diesem Jahr im Schnitt bei ca. 8,7 Prozent, und die wahrgenommene Inflation mit ca. 10,2 Prozent sogar noch deutlich darüber, obwohl die amtliche Statistik bislang einen Wert von 2 Prozent zeigt. Zum Vergleich wiesen im Jahr 2019 beide Größen ein Niveau von ca. 5 Prozent auf, verglichen mit 1,4 Prozent der amtlichen Statistik. Das Inflationsgedächtnis der Verbraucher ist also ausgesprochen hartnäckig. Aktuell ist davon auszugehen, dass die Inflationsrate infolge der gestiegenen Energiepreise durch den Iran-Krieg wieder ansteigt. Laut statistischem Bundesamt ist diese bereits von 1,9 Prozent im Februar auf 2,7 Prozent im März 2026 gestiegen. Sollte dieser Anstieg längerfristig anhalten, dürfte sich die Lücke zwischen gemessener und gefühlter Inflation erneut vergrößern. Die Inflationserwartungen würden sich also noch weiter entfernen und eine Normalisierung auf ein Niveau wie vor 2020 sich deutlich hinziehen.
Und dies hätte Folgen für die deutsche Wirtschaft. Zum einen trübten sich im März die Einkommenserwartungen der Verbraucher bereits ein, was den privaten Konsum dämpfen dürfte. Zum anderen steigt der Druck auf die Zentralbank, die Zinsen zu erhöhen. Angesichts der hohen Staatsverschuldung einiger EU-Mitgliedstaaten sind die Spielräume hierfür aber beschränkt. Eine zu lockere Geldpolitik hingegen dämmt womöglich die Inflationserwartungen und damit auch die Inflation nicht ausreichend ein.
Damit zeigt sich: Inflation ist nicht allein ein statistisches Maß. Entscheidend ist auch, wie sie wahrgenommen wird und welche Erwartungen daraus entstehen.
Der Beitrag erschien so ähnlich erstmals in “WirtschaftsWoche”, Ausgabe vom 17.04.2026, https://www.wiwo.de/politik/konjunktur/inflation-wieso-konsumenten-die-teuerung-subjektiv-noch-staerker-empfinden/100211320.html