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Warum das Tierwohllabel mehr erklären muss

Die Bundesregierung will das geplante staatliche Tierwohllabel überarbeiten. Tatsächlich eröffnet die Überarbeitung die Chance, wissenschaftliche Erkenntnisse beim Design stärker zu berücksichtigen – und damit sicherzustellen, dass das Label nicht nur gut gemeint ist, sondern auch die gewünschte Wirkung entfaltet. Denn, ob ein Tierwohllabel Orientierung bietet und den Kunden tatsächlich dabei hilft, ihre Präferenzen in Kaufentscheidungen auszudrücken, entscheidet sich nicht an seinem Anspruch, sondern an seiner konkreten Gestaltung.

Das Interesse an ethischem Konsum ist groß. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher möchten wissen, wie Tiere gehalten werden, und sind bereit, bessere Standards mit höheren Preisen zu belohnen. Produktlabels sollen dabei Orientierung bieten. Doch Orientierung entsteht nicht allein durch Zahlen, Farben oder Stufen. Sie entsteht durch Verständnis.

Gerade hier liegt ein Problem des staatlichen Tierhaltungslabels, wie es die Ampel-Regierung geplant hatte. Die Einteilung in fünf Stufen suggeriert klare Unterschiede – doch was sich konkret hinter „Stall + Platz“ oder „Freiluftstall“ verbirgt, bleibt für viele unklar. Dabei sind die Kriterien für die Einteilung der Haltungsformstufen ebenso wichtig wie eine transparente Kommunikation und Gestaltung des Labels. 

In unseren Studien mit dem früheren 4-stufigen Haltungsform-Label der Initiative Tierwohl zeigt sich: Konsumentinnen und Konsumenten überschätzen die Unterschiede zwischen den Stufen systematisch. Sie gehen meist von einer linearen, also gleichmäßigen Verbesserung der Haltungsbedingungen aus – eine naheliegende, aber falsche Annahme. Tatsächlich entwickeln sich zentrale Kriterien wie die verfügbare Fläche pro Tier von Stufe zu Stufe sehr unterschiedlich. Während die Verbesserungen in den unteren Stufen gering ausfallen, ist der Sprung von Stufe 3 zu Stufe 4 deutlich größer und beträgt nahezu 50 Prozent. Wer jedoch gleichmäßige Unterschiede erwartet, überschätzt insbesondere die Bedingungen in den unteren Stufen. 

Die Folgen können erheblich sein. Produkte mit niedrigeren Tierwohlstandards werden unter Umständen vom Kunden, als qualitativ höherwertig wahrgenommen, als sie es tatsächlich sind. Höhere Standards verlieren an relativer Attraktivität. Ein entsprechend gestaltetes Label läuft damit Gefahr, sein eigenes Ziel zu unterlaufen: Statt Nachfrage gezielt in Richtung besserer Tierhaltung zu lenken, kann es sogar dazu beitragen, den Status quo zu stabilisieren.

Dabei zeigt die Forschung auch eine Möglichkeit, wie sich dieses Problem vermeiden lassen könnte. Werden ergänzende, konkret verständliche und vergleichbare Informationen auf dem Label bereitgestellt – etwa zur tatsächlich verfügbaren Fläche pro Tier –, verändert sich das Kaufverhalten deutlich. Bei der Kaufentscheidung steigt die Bedeutung der Tierhaltungsform, der Preis verliert relativ an Gewicht. Mehr Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden sich für Produkte mit höheren Standards, selbst wenn diese teurer sind.

Die entscheidende Erkenntnis lautet: Weniger Information ist nicht automatisch bessere Information. Ein Label, das aus Gründen der Vereinfachung relevante Details ausblendet, lädt zu Fehlinterpretationen ein. Und Fehlinterpretationen sind keine Randerscheinung, sondern können Märkte beeinflussen.

Für die Politik bedeutet das: Die Überarbeitung des staatlichen Tierwohllabels sollte nicht primär eine juristische oder administrative Übung sein. Sie sollte sich auch von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen. Entscheidend ist nicht, wie ein Label gemeint ist, sondern wie es verstanden wird. 

Ein gut gestaltetes Label kann Verbraucherinnen und Verbrauchern helfen, ihre Werte im Alltag umzusetzen. Ein schlecht gestaltetes dagegen erzeugt Illusionen von Tierwohl – und bremst genau jene Veränderungen, die gesellschaftlich gewünscht sind.

Die Bundesregierung hat jetzt die Chance, aus der Forschung zu lernen. Sie sollte sie nutzen.


Der Beitrag erschien so ähnlich erstmals bei “Table.Briefings”, Agrifood.Table, 26.05.2026

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