Meinung und Debatte
Graue Generation, großes Geschäft: Boomer als Zukunftsmarkt für Age-Tech
In sozialen Medien werden die sogenannten „Boomer“ gern als aus der Zeit gefallen belächelt, und z.B. als resistent gegenüber Veränderungen oder ungeschickt im Umgang mit neuen Technologien dargestellt. Statt sich über das angeblich „cringe“ Verhalten der Babyboomer zu amüsieren, wäre es für Tech-Anbieter klüger, diese Generation als das zu betrachten, was sie wirklich ist: eine der interessantesten und wirtschaftlich relevantesten Zielgruppen. Gerade in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums und einer schwächelnden Industrie wäre es ein lohnendes Unterfangen, diese Zielgruppe in den Fokus zu nehmen. Vergleicht man die Boomer mit anderen Gruppen, wie beispielsweise der Gen Z, liegt hier Potenzial brach.
Die Boomer und ihr Nachholbedarf bei Tech-Produkten
Die Generation der Boomer – Menschen, die zwischen 1946 und 1965 geboren wurden – ist im Vergleich zur Gen Z (1996 -2010), den Millennials oder der Gen X die größte Konsumentengruppe. Trotzdem spielt sie im Markt für langlebige technische Konsumgüter eine erstaunlich kleine Rolle. Käuferstudien von NIQ aus den Jahren 2024/25 mit über 55.000 Teilnehmenden zeigen, dass Boomer deutlich seltener technische Produkte kaufen als andere Altersgruppen. Ihr Anteil am Gesamtmarkt liegt bei nur etwa 22 Prozent, während die deutlich kleinere der Gen Z auf rund 27 Prozent kommt. Dabei beschränkt sich der Unterschied nicht nur auf die Kaufhäufigkeit. Boomer geben für die meisten technischen Produkte auch weniger Geld aus als andere Generationen – mit wenigen Ausnahmen wie den Klassikern Waschmaschinen oder Kühlschränken.

Am Einkommen kann die gebremste Ausgabebereitschaft kaum liegen. Im Durchschnitt verfügen Boomer über eine ähnliche Einkommensstärke wie die Gen Z, die für Tech-Produkte besonders viel auszugeben bereit ist. Dabei sind Boomer kaum weniger technik-affin als andere Altersgruppen. Sie interessieren sich jedoch weniger für Look and Style.
Am Einkommen kann die gebremste Ausgabebereitschaft kaum liegen. Im Durchschnitt verfügen Boomer über eine ähnliche Einkommensstärke wie die Gen Z, die für Tech-Produkte besonders viel auszugeben bereit ist. Dabei sind Boomer kaum weniger technik-affin als andere Altersgruppen. Sie interessieren sich jedoch weniger für Look and Style.
Auffallend ist, dass Boomer vor allem für Elektronikprodukte jüngeren Ursprungs eine geringere Zahlungsbereitschaft haben. Lediglich bei Klassikern, wie Kühlschränken oder Waschmaschinen liegt die Zahlungsbereitschaft der Boomer leicht über der anderer Generationen. Tech-Produkte werden auch anders genutzt. Während Jüngere ihr Smartphone überwiegend zum Surfen im Internet verwenden, nutzen Ältere dafür häufiger Tablets. Kopfhörer werden von Boomern beim Fernsehen eingesetzt, bei jüngeren Nutzern primär für Musik. Die Unterschiede legen nahe, dass viele der heutigen Tech-Produkte nicht konsequent auf die Bedürfnisse der Boomer-Generation ausgerichtet sind.
Auffallend ist, dass in dieser Altersklasse Technik zu 65 Prozent von Männern gekauft wird, während der Anteil männlicher Käufer über alle Generationen hinweg bei 47 Prozent liegt. Vor allem ältere Frauen scheint die Industrie mit ihrem Tech-Angebot nur eingeschränkt zu erreichen. Dass durch die mangelnde Ausrichtung auf diese Zielgruppe viel Potenzial verschenkt wird, zeigt auch das Beispiel der Robo-Staubsauger. Über alle Generationen hinweg erwägt rund jeder Fünfte (21 Prozent) den Kauf eines Saugroboters, unter Boomern dagegen nur etwa jeder Zehnte (11 Prozent).
Age-Tech als Chance für die deutsche Tech-Industrie
Das Staubsaugerbeispiel zeigt, dass der älteren Generation oft gar nicht bewusst ist, welche neuen Technologien es gibt, und wie diese ihr Leben erleichtern könnten. Das ist keine Holschuld der Boomer, sondern vor allem ein Versäumnis der Industrie, denn das wirtschaftliche Potenzial ist erheblich. Würden Boomer im gleichen Umfang technische Produkte kaufen wie andere Generationen, könnte allein in Deutschland ein zusätzlicher Umsatz von über einer Milliarde Euro entstehen. Gerade in einer Phase schwachen Wachstums wäre das ein Impuls, den Wirtschaft und Industrie nicht ignorieren sollten.
Wo deutsche Betriebe ansetzen können, um sich im Age-Tech Markt zu etablieren
Gerade für heimische Hersteller ergeben sich Chancen: Viele Unternehmen in Deutschland und Europa stehen für hochwertige, langlebige und sichere Technik – Eigenschaften, die von älteren Zielgruppen besonders geschätzt werden. Und es kommt sogar noch besser: Wer es schafft, Technologie als echten Alltagshelfer für eine alternde Gesellschaft zu gestalten, kann nicht nur Marktanteile ausbauen, sondern eine globale Vorreiterrolle im Segment „Age-Tech“ einnehmen.
Der erste Ansatzpunkt liegt in der Produktentwicklung. Offensichtlich bieten viele Geräte für Boomer keinen klaren Mehrwert. Da sich die Lebensrealität älterer Nutzer von jüngeren Zielgruppen unterscheidet, sollte sich die Industrie zunächst intensiv mit den Bedürfnissen älterer Menschen auseinandersetzen und ihre Produkte darauf abstimmen. Es geht weniger um schickes Design als um die Erleichterung des Alltags und sozialer Teilhabe, die immer mehr technikgetrieben ist. Für die Ausstattung, Einrichtung und Vermarktung eines Tablets macht es zum Beispiel einen Unterschied, ob es primär zum Surfen und der Organisation von Fotos oder als Arbeitsgerät genutzt wird.
Zweitens bedarf es einer zielgruppenangepassten Kommunikationsstrategie. Obwohl beispielsweise Saugroboter erschwinglich und meist einfach zu bedienen sind, ist die Produktkategorie bei Boomern kaum präsent. Werden Boomer über aktuelle Werbe- und Kommunikationskanäle ausreichend erreicht oder muss man Kommunikationsbudgets umschichten, um auch diese Gruppen anzusprechen? Passen die Botschaften oder ziehen in der Kommunikation mit Älteren andere, stärker an deren Bedürfnissen ausgerichtete Inhalte?
Drittens müssen sich auch Vertriebsstrategien an der Zielgruppe orientieren. Verkaufspersonal sollte gezielt geschult werden, Webseiten verständlicher aufgebaut sein, und Angebote müssen klar vermitteln, welchen praktischen Nutzen neue Technologien gerade für die Boomer-Generation bieten. Auch scheinbar banale Details wie Bedienungsanleitungen können einen großen Unterschied machen, vor allem im Wettbewerb mit asiatischen Anbietern: Deutsche Sprache, klare Beschreibungen und Anweisungen und ein Schriftgröße, die man auch mit beginnender Sehschwäche noch ohne Lupe lesen kann.
Zusätzlich kann es sich lohnen, die Vermarktung breiter aufzustellen. Vor allem bei weiblichen Boomern gibt es noch viel Aufholbedarf. Dieser Zielgruppe fehlt vielleicht noch das nötige Selbstvertrauen, in die Welt der neuen Technologien einzutauchen. Kooperationen mit Freizeiteinrichtungen oder anderen Institutionen könnten dabei helfen Berührungsängste abzubauen. Eine solche Strategie kann sich für die Branche auch langfristig rechnen. Die heutigen Boomer haben eine hohe Lebenserwartung und der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung wächst kontinuierlich. Deutsche Anbieter haben die Chance, das Angebot an Alterstechnologien für die Hoch- und Höchstaltrigkeit bedarfsgerecht weiterzuentwickeln. Wer schon im Boomer-Alter den Vorteil neuer Technologien erkennt und deutsche Marken schätzen gelernt hat, wird auch später geneigter sein, z.B. Wearables zur Erkennung von Stürzen oder der Überwachung von Vitaldaten zu erwerben und zu nutzen – beim Anbieter seines oder ihres Vertrauens.
Fokus Age-Tech: Vielleicht weniger cool, aber smarter
Auf den ersten Blick mag es logisch und cool erscheinen, sich mit Technologie auf junge Zielgruppen zu fokussieren. Längerfristig smart kann jedoch auch eine andere Strategie sein: Produkte anzubieten, die sich gezielt an den Lebensrealitäten älterer Menschen orientieren. Diese Ausrichtung war noch nie so wirtschaftlich attraktiv wie heute. Technologien, die in der zweiten Lebenshälfte Lebensqualität erhöhen, Selbstständigkeit erhalten oder soziale Teilhabe erleichtern, treffen auf einen wachsenden realen Bedarf. Wer sich heute gut positioniert, wird morgen nachhaltig profitieren.
Der Beitrag erschien so ähnlich erstmals in “Der Markenartikel”, Ausgabe 7+8/2026, https://www.markenartikel-magazin.de/_rubric/detail.php?rubric=marke-marketing&nr=100064