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Rückblick: Konsumklima Summit 2026

Konsum im geopolitischen Spannungsfeld: Was Deutschland jetzt braucht
Das Konsumklima in Deutschland ist nach wie vor sehr gedämpft. Die Verbraucherinnen und Verbraucher halten sich mit größeren Anschaffungen zurück, während die Sparneigung steigt. Besonders auffällig: Zuletzt hat sich die Konsumstimmung gerade bei den einkommensstarken Haushalten deutlich verschlechtert. Geopolitische Krisen, Inflationserfahrungen und Unsicherheit über die Zukunft prägen die Konsumentscheidungen.
Doch Konsum ist nicht nur eine Folge von Wirtschaft und Konjunktur. Er ist selbst eine gestaltende Kraft der Wirtschaft. Deshalb rückt das Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) die Verbraucherinnen und Verbraucher und ihre Konsumentscheidungen in den Mittelpunkt. Mit dem NIM Konsumklima, das seit April 2023 wieder in der Verantwortung des Instituts liegt, verfügt das NIM über einen wichtigen Frühindikator für die Entwicklung des privaten Konsums in Deutschland.
Wie lässt sich das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen? Was können Politik und Unternehmen dazu beitragen? Und wie kann Deutschland wieder auf Wachstumskurs kommen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des NIM Konsumklima Summits, der am 14. Oktober in Berlin stattfand.
Zum dritten Summit kamen unter anderem Sigmar Gabriel, Ifo Präsident Clemens Fuest, Risikoforscher Gerd Gigerenzer, Kölln-Chefin Friederike Driftmann-Egelhof und China-Experte Frank Sieren nach Berlin. Moderiert wurde der Tag vom Spiegel-Journalisten Thomas Schulz.

Konsumklima als Frühindikator
„Der Konsum ist das Zentrum der Wirtschaft“, ist Dr. Katharina Gangl, Direktorin für Studien am NIM, überzeugt. Das NIM erhebt monatlich den Konsumklima Indikator und befragt dafür 2.000 Menschen zu ihren finanziellen Erwartungen, ihrer Sparneigung und ihren Überlegungen für größere Anschaffungen. Der Indikator zeigt, wie es den Menschen geht – und wie sich ihre Stimmung auf die Wirtschaft auswirkt. Der private Konsum macht rund 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus; zugleich stammt etwa ein Drittel der Staatseinnahmen aus der Mehrwertsteuer.
Gangl zitiert Ludwig Erhard, einen der Gründer des NIM: „Menschen – nicht Politik oder Unternehmen – sind der Souverän der Sozialen Marktwirtschaft.“
Rolf Bürkl, Head of Consumer Climate am NIM, zeichnet ein deutliches Bild: In Krisenzeiten kaufen die Menschen weniger und sparen mehr. Corona, der Ukraine-Krieg und der Iran-Konflikt haben das Konsumklima jeweils spürbar gedrückt.
Nach einer Dekade relativ konsumfreudiger Jahre hat sich die Stimmung gedreht. Seit 2023 übersteigt die Sparneigung die Anschaffungsneigung. Aktuell liegt der Konsumklima Indikator mit −30,6 Punkten auf einem sehr niedrigen Niveau. Noch schlechter war die Verbraucherstimmung im Herbst 2022: Deutschland steckte damals mitten in der Energie- und Inflationskrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.
Dr. Anja Bauer, Senior Researcher für Consumer Climate, zeigt zudem, dass sich die Konsumzurückhaltung unterschiedlich verteilt: Gerade Menschen mit höheren Einkommen und Babyboomer halten sich beim Konsum zurück. Bemerkenswert ist das insbesondere deshalb, weil die einkommensstärkere Hälfte der Bevölkerung für rund zwei Drittel der Konsumausgaben verantwortlich ist. Ihr Konsumverhalten hat damit besonderes Gewicht für die wirtschaftliche Entwicklung.
Senior Researcher Prof. Dr. Christoph Ungemach ergänzt, dass Inflationssorgen das Sparverhalten stärker beeinflussen als der Pessimismus über die Weltlage – dieser dämpft hingegen vor allem die Konsumbereitschaft. Entscheidend für die Anschaffungsneigung sei zudem nicht allein das Einkommen: Auch Vermögen, Wohneigentum und insbesondere finanzielle Rücklagen wie ein Notgroschen spielen eine wichtige Rolle.
Das NIM zeigt beim Summit auch neue Analysen zur Anschaffungsneigung im Dienstleistungssektor, etwa für Gastronomie, Reisen, Freizeit, Kultur oder Gesundheit. Diese liegt meist über der Anschaffungsneigung für größere Konsumgüter wie Möbel oder Elektrogeräte. Seit Beginn des Iran-Kriegs zeigt sich jedoch bei beiden Indikatoren ein Rückgang.

Was Menschen widerstandsfähig macht
Das NIM fragt nicht nur, wie es den Konsumentinnen und Konsumenten geht, sondern auch, was sie widerstandsfähiger machen könnte. Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, warum die Menschen derzeit so zurückhaltend konsumieren, sondern auch, was ihnen wieder mehr finanzielle Sicherheit und Zuversicht geben könnte. Gangl nennt hier niedrige und stabile Energiepreise sowie eine erfolgreiche Inflationsbekämpfung als zentrale Voraussetzungen. Auch Unternehmen seien gefordert.
Darüber hinaus lenkt sie den Blick nochmals auf den sogenannten „Notgroschen“. Laut NIM können nur 43 Prozent der Befragten mit Sicherheit ein Monatseinkommen als Notgroschen aufbringen. Das begrenze Handlungsspielraum: Wer finanziell unter Druck steht, entscheide oft kurzfristiger und manchmal teurer.
Gangl plädiert deshalb dafür, auch Menschen mit Sozialleistungen automatisch einen Notgroschen ansparen zu lassen. Als dritten Ansatz nennt sie eine Senkung des Wahlalters, um junge Menschen früher in gesellschaftliche Entscheidungen einzubinden.

Konjunkturelles Strohfeuer durch Staatsausgaben
Während das NIM die Perspektive der Verbraucher und ihre Konsumentscheidungen beleuchtet, richtet Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest, Präsident des Ifo Instituts, den Blick auf die wirtschaftlichen Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum.
Fuest sieht die aktuelle Konjunkturbelebung skeptisch. Zwar erwarten die Wirtschaftsinstitute in ihrer Gemeinschaftsprognose für den Herbst für 2026 ein BIP-Wachstum von 1,3 Prozent. Doch dieses „Strohfeuer“ sei vor allem durch hohe Staatsausgaben getrieben.
„Wenn der Staat Geld in die Hand nimmt, steigt das BIP“, sagte Fuest. Sein Urteil: „Der Staatskonsum expandiert, als gäbe es keine Krise.“
Wichtiger als kurzfristige Konjunkturimpulse sei das Wachstum des Produktionspotenzials. Dafür brauche es Arbeitsleistung, Investitionen und Innovationen. Fuest fordert längere Arbeitszeiten, mehr private Investitionen im Inland sowie gezielte Investitionen – etwa in Rechenzentren, um den KI-Standort Deutschland zu stärken.
Für einen langfristigen Kurs empfiehlt er ein mehrjähriges Programm mit Einsparungen bei Renten, Sozialleistungen und Bundesfinanzhilfen. Sein Fazit: „Politik, die nicht eine mehrjährige Perspektive einnimmt, taugt nichts.“

Was wir von Venedig lernen können
Sigmar Gabriel, ehemaliger Vizekanzler und Vorsitzender der Atlantik-Brücke, lädt die Gäste des NIM zu einer gedanklichen Reise in das Venedig des Mittelalters ein, damals die bedeutendste Handelsstadt Europas. Was den venezianischen Kaufleuten lange unbemerkt blieb, war die stetige Verlagerung der Wirtschaftsströme vom Mittelmeer in den Atlantik. Auch heute verschiebe sich die Gravitationsachse. Und zwar vom Atlantik in den Pazifik. Wir haben es nur noch nicht gemerkt.
China sei für die Weltwirtschaft der entscheidende Bezugspunkt, Europa verliere an Bedeutung. So lasse sich auch der Rückzug der USA aus der Rolle als globale Wirtschafts- und Schutzmacht erklären. Trump ziehe die amerikanischen Truppen aus Deutschland nicht zurück, weil er sich über Merz geärgert habe, sondern weil der Schwerpunkt nach China wandere, glaubt Gabriel.
Für Europa bedeutet das aus Gabriels Sicht: Zusammenhalten, Allianzen bilden und Reformen voranbringen. Eine Energieunion, eine Kapitalmarktunion und eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik wären wichtige Schritte. Gleichzeitig warnt er vor EU-Überregulierung.
„Angesichts einer solchen Weltlage kann man schon verstehen, dass Menschen sich beim Konsum zurückhalten“, sagte Gabriel. Um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen, setzt er vor allem auf Investitionen, Innovationen und strukturelle Reformen. Beim Thema Arbeitskräfte setzt er einen anderen Akzent als Fuest: Während dieser eine Ausweitung der Arbeitszeit fordert, sieht Gabriel in der Zuwanderung einen wichtigen Hebel.

Risikokompetenz statt defensiver Entscheidungen
Wie Menschen mit Unsicherheit umgehen und welche Rolle sie bei wirtschaftlichen Entscheidungen spielt, war auch Thema des Vortrags von Gerd Gigerenzer.
Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikompetenz, widmete sich der Frage, wie Menschen in unsicheren Zeiten gute Entscheidungen treffen. KI und komplexe Algorithmen funktionierten vor allem in stabilen, klar definierten Situationen mit großen Datenmengen. Menschen seien dagegen darauf ausgelegt, mit Ungewissheit umzugehen. Die Führungskräfte eines großen DAX-Unternehmens hat Gigerenzer gefragt, wie häufig sie Bauchentscheidungen treffen. Sie gestanden, in rund 50 Prozent der Fälle.
Intuition sei kein „sechster Sinn“, sondern beruhe auf langer Erfahrung, sei gefühltes Wissen, das rasch im Bewusstsein auftauche und dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind. „Aber die Gesellschaft misstraut dieser unbewussten Intelligenz“, weiß Gigerenzer. Er warnte davor, Innovationen würden gehemmt, wenn jede Idee eine vollständige rationale Begründung verlange und Fehler hart bestraft würden. Stattdessen brauche es eine positive Fehlerkultur, die auch intuitive Entscheidungen zulässt.
Vertrauen als härteste Währung
Dr. Friederike Driftmann-Egelhof, Vorsitzende der Geschäftsführung von Peter Kölln, brachte die Unternehmensperspektive ein. Für sie ist Vertrauen die härteste Währung im Konsum – besonders für einen mittelständischen Hersteller im globalen Krisenumfeld.
Hafer benötigt Dünger aus der Ukraine, Rosinen und Haselnüsse kommen aus der Türkei, Mandeln und Cranberries aus den USA. Krieg, Währungsrisiken, Zölle und EU-Regularien wirkten direkt auf Einkauf, Produktion und Verpackung. Besonders belastend war der extreme Kakao-Preisanstieg in den Jahren 2024 und 2025. Kölln entschied sich beim Müsli für eine kleinere Packung und kommunizierte diesen Schritt offen. Die Strategie ging auf: Umsatz und Absatz zogen an. Nach dem Rückgang der Kakao-Preise füllt das Unternehmen seit Oktober wieder 25 Prozent mehr Müsli in die Packung. Und auch dies wird offensiv kommuniziert.
Driftmann-Egelhof ist überzeugt: Vertrauen ist Chefsache und vermittelt dies nicht nur durch klassische Pressearbeit, sondern auch verstärkt auf TikTok, Instagram und Co.
Ihr Beispiel zeigt, dass Unternehmen gerade in Zeiten hoher Preissensibilität durch Transparenz und glaubwürdige Kommunikation Vertrauen bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern stärken können.

Bildung, Vertrauen und Reformwille
In der anschließenden Diskussion mit allen Vortragenden kommt noch der Faktor Bildung zur Sprache. Fuest fordert eine wissensbasierte Gesellschaft und sieht noch große Potenziale. Gigerenzer plädiert für eine Regulierung der sozialen Medien für Kinder und Jugendliche.
Kritik an der derzeitigen Bundesregierung blieb zurückhaltend, aber deutlich. Keiner will in deren Haut stecken. Gabriel freut sich, dass er nicht mehr in der Verantwortung steht. Er zeigt sogar ein wenig Mitleid mit dem Bundeskanzler: „Wenn der übers Wasser läuft, steht in der Zeitung ‚er kann nicht schwimmen‘“.
Vermisst wird jedoch ein Wille zur konsequenten Reform. Gigerenzer bezog sich dabei auf den Vortrag von Driftmann-Egelhof: „Wenn wir Politiker hätten, die mehr Transparenz zeigten und mehr Friederikes hätten, dann hätten wir eine Gesellschaft mit mehr Vertrauen.“

Die Welt aus anderen Augen sehen
Den Schlussimpuls lieferte Frank Sieren. Nach 30 Jahren Erfahrung mit China erklärte er: „Die alte Ordnung, in der die Minderheit aus dem Westen die ganze Welt regiert, ist am Ende.“
China sei lange unterschätzt worden. Statt nur zu kopieren, hätten chinesische Unternehmen Nischen besetzt, Zukunftstechnologien ausgebaut und sich Schritt für Schritt positioniert – besonders in der Automobilindustrie. Ihr Credo: Dinge einfach mal ausprobieren. Sieren warnte davor, diesen Aufstieg als vorübergehend abzutun. Seine Botschaft an Europa: Kooperationen suchen, Wettbewerbsfähigkeit stärken und vor allem den Perspektivwechsel wagen. „Wir müssen lernen, die Welt aus den Augen der anderen zu sehen“, sagt Sieren. Ein Gedanke, der weit über das Verhältnis zu China hinausreicht – und einen passenden Schlusspunkt für den Konsumklima Summit setzt.
Der Konsumklima Summit hat gezeigt: Wirtschaftliche Impulse allein reichen nicht aus, um den Konsum wieder anzukurbeln. Entscheidend ist, dass die Menschen Vertrauen in ihre finanzielle Zukunft gewinnen. Dafür braucht es wirtschaftliche Stabilität, verlässliche Politik und Unternehmen, die durch glaubwürdiges Handeln Vertrauen schaffen.
Wir danken allen Speakern und den mehr als 200 Teilnehmenden für die vielfältigen Impulse, den offenen Dialog und die spannenden Diskussionen über Konsum, Wachstum und die Zukunftsfähigkeit Deutschlands.
Der nächste NIM Konsumklima Summit findet am 28. Oktober 2027 in Berlin statt.
Pressetext (angereichert): Sabine Hedewig-Mohr | Fotografie: Michael Ukas
Speaker
- Sigmar Gabriel
- PD Dr. Katharina Gangl, Direktorin Studien, NIM, katharina.gangl@nim.org
- Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest
- Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
- Dr. Friederike Driftmann-Egelhof
- Frank Sieren
- Rolf Bürkl, Head of Consumer Climate, NIM, rolf.buerkl@nim.org
- Dr. Anja Bauer, Senior Researcher - Consumer Climate, NIM, anja.bauer@nim.org
- Prof. Dr. Christoph Ungemach, Senior Researcher, NIM, christoph.ungemach@nim.org
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