Studie
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Buder, F., & Biró, T. (2026). Longevity zwischen Anspruch und Alltag. Ergebnisse einer internationalen Befragung zu Verbreitung und Potenzial eines Gesundheitskonzepts. NIMpulse23
2026
Tobias Biró
Longevity zwischen Anspruch und Alltag

Hintergrund der Studie
Produkte, Start-ups und neue medizinische Ansätze rund um Longevity - verstanden als das Ziel, die eigene gesunde Lebensspanne zu maximieren - erleben derzeit große Aufmerksamkeit. Begleitet von unzähligen Medienberichten und einer umfangreichen Ratgeberliteratur hat sich ein ganzes Ökosystem an Produkten und Anbietern sowie vermeintlichen oder tatsächlichen Fachleuten rund um das Thema entwickelt. Unklar ist jedoch, wie stark Longevity als Ziel tatsächlich in der breiten Bevölkerung verankert ist.
In der vorliegenden Studie wird die aktuelle Relevanz von Longevity analysiert. Darüber hinaus wollten wir wissen, welche Maßnahmen dahingehend bereits ergriffen werden und für welche sich zukünftig Potenzial zeigt. Schließlich soll gezeigt werden, welche Rolle der Staat dabei spielen soll und wofür Menschen zusätzliche gesunde Lebensjahre nutzen würden.
Um die Erkenntnisse einordnen zu können, wurde die Befragung bevölkerungsrepräsentativ in fünf Ländern durchgeführt: Deutschland, die USA als Gesellschaft, von der der Trend ausgeht, Frankreich und Schweden als Vergleichsländer mit unterschiedlichen kulturellen Haltungen zu Prävention und staatlicher Verantwortung sowie Japan als alternde und technologisch aufgeschlossene Gesellschaft.
Wie alt würden die Menschen gerne werden?
Menschen wollen meist länger leben als ihre tatsächliche Lebenserwartung bei Geburt - mit deutlichen Länderunterschieden. Die größte Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität zeigt sich in den USA - hier möchten auch die Jüngeren im Vergleich besonders alt werden. Japan ist das einzige Land, in dem die Menschen kürzer leben möchten als ihre tatsächliche Lebenserwartung bei Geburt.
Ansonsten gilt: Mit zunehmendem Alter und Einkommen und mit einem guten Gesundheitszustand steigt das Zielalter.
Verzicht für Langlebigkeit
Für die große Mehrheit in allen untersuchten Ländern steht Lebensgenuss über Langlebigkeit. Nur eine Minderheit ist bereit, für ein langes und gesundes Leben bewusst zu verzichten. Keine soziodemografische Gruppe zieht mehrheitlich Verzicht dem Lebensgenuss vor, am ehesten neigen jedoch Ältere und Besserverdiener zum Verzicht für ein langes und gesundes Leben.
Eine große Mehrheit in allen untersuchten Ländern ist der Ansicht, dass ein langes gesundes Leben vor allem von der eigenen Lebensführung abhängt. Besonders stark ist diese Überzeugung in Frankreich und den USA sowie unter Jüngeren sowie Mittel- und Besserverdienern verbreitet.
Alltagsnahe Maßnahmen, die von Fachleuten mit einem langen und gesunden Leben in Verbindung gebracht werden, sind - wenn auch nicht zwingend mit dem Ziel Langlebigkeit - etabliert. Verzicht wird vor allem bei Tabak und Alkohol geübt - weniger bei Ernährung. Medizinische Longevity-Angebote sind noch Nische. Gleichzeitig gibt es daran moderates Interesse für die Zukunft, insbesondere in den USA.
Was abhält und was zu tun wäre
Es gibt nicht die eine zentrale Hürde, mehr für ein langes gesundes Leben zu tun. Vielmehr gibt es ein Bündel aus Alltagsbarrieren. Die am häufigsten genannten Gründe in Deutschland sind mangelnde Disziplin, Kosten, Priorisierung von Lebensgenuss und Zeitmangel. Insbesondere in Japan wird auch fehlendes Wissen häufig genannt, in den USA Datenschutzbedenken.
Staatliche Unterstützung für gesundes Altern findet insgesamt breite Zustimmung. Gleichzeitig gibt es keine staatliche Maßnahme, die besonders große Unterstützung genießt. Im Grundsatz eher akzeptiert sind weniger strikte Maßnahmen wie Aufklärung und Prävention. Eingriffe wie Verbote oder zusätzliche Steuern stoßen auf geringere Akzeptanz, vor allem in Japan, Schweden und den USA. Deutschland und Frankreich zeigen eine insgesamt höhere Offenheit für regulatorische Maßnahmen.
Wofür Longevity?
Zusätzliche Lebensjahre sind vor allem Zeit für Lebensqualität. Im Fokus stehen Freizeit, Reisen sowie Familie und Freunde. Arbeit, Weiterbildung oder Engagement spielen nur eine untergeordnete Rolle. Besonders gering ist das Interesse, länger im Beruf zu bleiben: In Deutschland sind es 9 Prozent, in den USA 13 Prozent.
Dr. Fabian Buder:
Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Longevity ist derzeit kein breit verankerter gesellschaftlicher Trend, sondern bleibt ein Thema mit begrenzter Alltagsrelevanz. Trotz hoher medialer Aufmerksamkeit prägt der Wunsch nach einem möglichst langen gesunden Leben das konkrete Verhalten vieler Menschen nur eingeschränkt. So zeigt sich weder eine gruppenübergreifende Langlebigkeitstendenz beim anvisierten Zielalter noch eine breite Nutzung neuer medizinischer und technologischer Longevity-Anwendungen.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse ein klares Zukunftspotenzial. Insbesondere jüngere Menschen erweisen sich als offener gegenüber solchen Anwendungen. Zugleich verfolgen sie bereits heute einen vergleichsweise gesundheitsorientierten Lebensstil – allerdings ohne stark ausgeprägte Bereitschaft zu Verzicht. Diese Kombination aus Gesundheitsorientierung und Hedonismus deutet auf einen möglichen Entwicklungspfad hin: Gesundheit soll sich möglichst nahtlos in den Alltag integrieren, ohne als Einschränkung wahrgenommen zu werden. Technologische Lösungen könnten dabei künftig eine Schlüsselrolle spielen.
Daraus ergeben sich klare Implikationen: Insbesondere bei jüngeren Zielgruppen besteht Potenzial für Anbieter im medizinischen Longevity-Bereich. Angebote, die Gesundheit adressieren (z. B. Sport oder Ernährung), sollten aktuell jedoch stärker den unmittelbaren Nutzen betonen – es sei denn, sie richten sich gezielt an ältere Zielgruppen. Gleichzeitig wird auch an den Staat die Erwartung gerichtet, Rahmenbedingungen für gesundes Leben zu verbessern – etwa durch Aufklärung und Infrastruktur – ohne den Alltag durch Verbote oder starke Eingriffe zu regulieren.
Studie und Fragebogen wurden vom NIM konzipiert. Erhoben wurden die Daten über den NIQ eBUS®. Dafür wurden vom 13. Mai bis 19. Mai insgesamt 5000 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren befragt, die die deutsche Bevölkerung repräsentieren.
Autorinnen und Autoren
- Dr. Fabian Buder, Head of Marketing & Consumer Behavior, NIM, fabian.buder@nim.org
- Tobias Biró, Head of Research Communication, NIM, tobias.biro@nim.org
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