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Gangl, K., Goerg, S. J., & Biró, T. (2026). Mehrwertsteuer erhöhen – Konsum bremsen? Eine Studie zur Akzeptanz von Steuerreformen und ihren potenziellen Effekten auf die Binnennachfrage. NIMpulse 19
2026
Prof. Dr. Sebastian J. Goerg,
Tobias Biró
Mehrwertsteuer erhöhen – Konsum bremsen?

Hintergrund der Studie
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist weiterhin von verhaltener Dynamik geprägt. Der private Konsum, traditionell eine zentrale Stütze der Binnenkonjunktur, entwickelt sich etwa seit geraumer Zeit nur schwach. Auch infolge des Irankriegs und steigender Preise befindet sich das NIM Konsumklima derzeit im Sinkflug.
Diese Entwicklungen finden ihren Niederschlag in den aktuellen Reformdebatten. Ein wiederholt vorgetragener Vorschlag geht in die Richtung, eine Entlastung bei der Einkommensteuer mit einer stärkeren Besteuerung des Konsums – etwa über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer – zu kombinieren. Damit sollen Wachstumskräfte gestärkt und zugleich staatliche Einnahmen gesichert werden.
In der vorliegenden Studie wird untersucht, wie sich eine solche Reform auf das Konsumverhalten der Menschen auswirken könnte. Sie basiert auf einer repräsentativen Befragung von erwachsenen Personen in Deutschland. Damit möchte das NIM einen Beitrag zur aktuellen wirtschafts- und steuerpolitischen Debatte leisten und die Perspektive der Verbraucherinnen und Verbraucher sichtbar machen.
Wie fair werden Steuerarten beurteilt?
Wird ohne zusätzliche Information zur Verteilung der Steuerbelastung die Wahl zwischen Einkommensteuer und Konsumsteuer gegeben (Frage Version a), halten etwas mehr Befragte (v.a. Jüngere und Personen mit höherem Einkommen) die Konsumsteuer für prinzipiell gerechter. Insgesamt sind die Befragten aber polarisiert. Wird die Frage um einen Hinweis zur Verteilung der Steuerbelastung ergänzt (Frage Version b), ändern sich die Zustimmungswerte in Richtung Einkommensteuer.
Wie wird eine aktuell diskutierte Steuerreform beurteilt und welche Folgen sind zu erwarten?
Eine Mehrwertsteuererhöhung ist unpopulär. Das gilt selbst dann, wenn im Gegenzug die Steuer auf Einkommen gesenkt wird. Einem Szenario, bei dem die Einkommensteuer um 100 Euro pro Monat gesenkt wird, und gleichzeitig zusätzliche Kosten von 40 Euro durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer entstehen, findet nur jede vierte Person positiv. Besonders groß ist die Ablehnung bei Älteren und Personen mit niedrigem Einkommen. Aber selbst jene mit höherem Einkommen lehnen diese Politik eher ab.
Die negative Bewertung der geschilderten Steuerreform geht mit einem negativen Ausblick auf das eigene Konsumverhalten einher, sollte eine solche Reform tatsächlich in Kraft treten. Eine solche Reform würde nach Aussagen von mehr als der Hälfte der Befragten den Konsum nicht ankurbeln, sondern die Sparneigung erhöhen. Lediglich 5 Prozent geben an, dadurch zu mehr Konsum motiviert zu werden.
Sollte eine Reform wie im Szenario eintreten, würden vor allem Personen mit wenig Einkommen, Ältere und Frauen verstärkt auf Sonderangebote achten bzw. den Konsum einschränken. Die tatsächlichen negativen Auswirkungen auf den Binnenkonsum könnten sogar noch größer sein als es die Zahlen andeuten. Grund dafür ist, dass es tendenziell immer noch eher Frauen sind, die den Wocheneinkauf in Haushalten tätigen. Personen mit mehr Einkommen geben zwar vergleichsweise seltener an, ihren Konsum einzuschränken, sie würden ihn aber auch nicht häufiger erhöhen.
Was sollte bei der Besteuerung von Lebensmitteln das wichtigste Ziel des Staates sein?
Was die Gestaltung der Steuersätze betrifft, findet eine Mehrheit der Menschen in Deutschland, dass die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel so niedrig wie möglich sein sollte. Nur eine Minderheit favorisiert hier davon abweichende Ziele, etwa eine höhere Besteuerung von ungesünderen oder klimaschädlicheren Produkten oder eine einheitliche Mehrwertsteuer auf alle Waren und Dienstleistungen.
Wie sollte die Bundesregierung die Wirtschaft fördern?
Um Wirtschaft und Wohlstand zu fördern, sollte die Bundesregierung – wenn es nach dem Willen der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland geht – die Preise für Energie und die Steuern senken. Was die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Anbieter betrifft – hier etwa Senkung der Energiekosten für Unternehmen und Verbesserung der Forschungsförderung – so treffen diese Maßnahmen ebenfalls auf Zustimmung, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Das Klimageld bleibt in Deutschland umstritten.
Die Senkung der Steuern für Bürgerinnen und Bürger genießt in allen untersuchten Gruppen hohe Zustimmungswerte, unabhängig von Geschlecht, Alter oder Einkommen. Selbst Personen mit geringem Einkommen, die in der Regel vergleichsweise wenig Steuern zahlen, halten eine Steuersenkung für sinnvoll. Nur knapp jeder Zweite sieht in der Auszahlung eines Klimageldes eine sinnvolle Maßnahme, um die Wirtschaft zu fördern. Besonders skeptisch sind Personen mittleren Alters und solche mit höherem Einkommen.
Wie hoch schätzen die Menschen Steuern ein?
Die Menschen in Deutschland sind über Höhe und Verteilung ihrer Steuerbelastung nicht gut informiert. Die durchschnittliche Belastung durch Lohn- und Einkommensteuer wird auf 27 Prozent geschätzt; tatsächlich lag der Wert laut Bund der Steuerzahler 2025 bei 12 Prozent. Bei der Mehrwertsteuer ist die Diskrepanz zwischen geschätzter und tatsächlicher Belastung noch größer. Während die Befragten diesen bei durchschnittlich 18 Prozent verorten, liegt er tatsächlich bei 5 Prozent.
KEY INSIGHTS
Unsere Ergebnisse zeigen klar: Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer wäre der Sargnagel für den privaten Konsum in Deutschland. Das gilt selbst dann, wenn diese mit einer Entlastung bei der Einkommensteuer einhergeht.
Viele Menschen nehmen steigende Preise im Alltag unmittelbar wahr und reagieren sensibel darauf – deutlich stärker als auf zusätzliche Einkommensspielräume. Vor allem bei Älteren und in Haushalten mit geringem Einkommen überwiegt die Sorge vor höheren Lebenshaltungskosten. Auch Frauen, die etwas häufiger als Männer den Wocheneinkauf für Familien erledigen, reagieren überdurchschnittlich negativ auf eine Erhöhung der Konsumsteuern.
Statt zusätzliche Dynamik zu entfachen, besteht auch vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage die Gefahr, dass durch eine solche Reform Konsum zurückgestellt oder eingeschränkt wird. Vor einer solchen Entwicklung ist zu warnen, insbesondere da vom Export angesichts von Zöllen und zunehmender Regionalisierung mittelfristig kaum Impulse zu erwarten sind.
Um den Binnenkonsum zu stärken, müssten Verbraucherinnen und Verbraucher ein klares Signal der Entlastung erhalten – etwa durch niedrigere Steuern oder strukturell sinkende Energiepreise, die nicht auf Subventionen beruhen, sondern auf einem höheren Energieangebot – und ohne neue Belastungen an anderer Stelle. Reine Umschichtungen nach dem Prinzip „linke Tasche, rechte Tasche“ erzeugen in der aktuellen Situation offenbar keine Aufbruchstimmung mehr.
Studie und Fragebogen wurden vom NIM konzipiert. Erhoben wurden die Daten über den NIQ eBUS®. Dafür wurden vom 30. April bis 4. Mai insgesamt 1.005 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren befragt, die die deutsche Bevölkerung repräsentieren.
Autorinnen und Autoren
- PD Dr. Katharina Gangl, Direktorin Studien, NIM, katharina.gangl@nim.org
- Prof. Dr. Sebastian J. Goerg, Direktor Forschung, NIM, sebastian.goerg@nim.org
- Tobias Biró, Head of Research Communication, NIM, tobias.biro@nim.org
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